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Interview mit Matt Elliott (⇒ siehe dazu auch
die Rezension
zu seinem neusten Album "Drinking
Songs")
Ivana Leiseder: Was ging in deinem
brillianten Kopf vor, als du die Musik für "Drinking Songs"
geschrieben und produziert hast? Die Atmosphäre ist sehr
düster, hoffnungslos und hypnotisch - ist dies Ausdruck oder
ein Hinweis deines eigenen geistigen Zustandes oder deiner
Sicht der Welt als Ganzes? Matt Elliott: Na ja, ein
bisschen beides. Ich schaue oft die News am Fernsehen (zu oft)
und es ist schwierig, über den momentanen Zustand der Dinge
nicht völlig deprimiert zu sein. Je mehr ich darüber
nachdenke, desto mehr sehe ich die Menschen ohne Zweifel als
Versager. (Und ich schliesse mich selber auch in dieser harten
Generalisation ein.) Ich selber betrachte mich aber nicht als
traurige oder unglückliche Person, denn ich kann meine
negativen Gedanken mithilfe der Musik ausdrücken und
loswerden. Eigentlich dachte ich sogar, "Drinking Songs" wäre
eine fröhliche LP, bis ich sie mir vor etwa sechs Wochen
angehört habe und realisieren musste, dass sie in der Tat sehr
düster ist. Zu dem, was in meinem Kopf vorging: Das ist
schwierig zu sagen. Es ist nicht einfach, darüber
nachzudenken, was ich zu dem Zeitpunkt dachte, als ich die
Musik aufnahm. So wie es immer ist, hatte ich eine grobe Idee
von dem, was ich machen wollte, aber schlussendlich kommt es
immer anders heraus, als ich es mir vorgestellt hatte. Es ist
unmöglich, exakt das zu kreieren, was ich in meinem Kopf höre
oder was ich mir vorstelle. Ich versuche einfach, meiner
Vorstellung möglichst nahe zu kommen und bin dann meistens
enttäuscht mit den Resultaten - wie gesagt ist es aber ein
Ding der Unmöglichkeit, es genau umsetzen zu können. Ich denke
sogar, dass ich jeweils ein sehr viel unbewussteres Resultat
hervorbringe, da ich wohl andere Wege einschlage, als ich
eigentlich geplant hatte.
Wo nimmst du die
Inspirationen für deine Musik her? Die Songs auf "Drinking
Songs" verströmen diesmal sogar eine slawische Note. Wo und
wann hast du dein Interesse für diese Art von Musik
entdeckt? Russische Kirchenmusik hat einen grossen
Eindruck auf mich hinterlassen, als ich noch sehr jung war.
Ich wurde russisch orthodox erzogen und die Musik hat mich
sehr berührt in dem Sinne, dass sie so traurig und doch
wunderschön war. Ich mag mich noch erinnern, wie ich gedacht
habe, dass ich es lieben würde, den Prozess des Musikmachens,
der die Menschen so bewegt, zu verstehen. Ich möchte wirklich
gerne CDs veröffentlichen, die die Menschen genauso emotional
berühren, wie mich gewisse CDs berührt haben.
Welche
CDs haben dich denn emotional berührt? Hhm... Ich liebe
alles von My Bloody Valentine, die meine Seele mit ihren
Werken wirklich zutiefst berührt und mich definitiv dazu
bewogen haben, nach mehr CDs zu suchen, die mich in dieser
Weise berühren - von diesen gibt es jedoch nur sehr wenige.
Vielleicht habe ich auch deshalb begonnen, selber Musik zu
machen. Eine LP, die mich wirklich bewegt hat, war "Happy Sad"
von Tim Buckley. Es ist einfach ein wunderschönes Album mit
den Vibraphones, den schönen Gitarren und natürlich seiner
aussergewöhnlichen Stimme. Traurigerweise ist es für mich
inzwischen schwierig geworden, von einer CD emotional berührt
zu sein, da ich alles bis ins Detail analysiere und selbst,
wenn es mich berührt, will ich genau wissen, was mich denn
berührt und warum etc. Dies wird dann wichtiger als das Gefühl
selber. Na ja, man sagt ja, wenn man etwas liebt, sollte man
es nicht zu verstehen versuchen.
Was war der
anspruchsvollste Aspekt des Produzierens von "Drinking Songs"?
Hhm... Verschiedene Dinge. Ein Teil des Albums wurde
in einem Studio in England aufgenommen, das ich soeben neu
ausgestattet hatte und ich verwendete deshalb eine andere
Vorgehensweise als für "The Mess We Made" und die Third Eye
Foundation-CDs. Obwohl der ganze Prozess Spass gemacht hat und
interessant war, ist bei mir immer das Gefühl des
Selbstzweifels vorhanden, was - so würde ich sagen - das
Schwierigste an der ganzen Sache ist. Aber gleichzeitig ist es
ja auch notwendig und gesund.
Der Name des letzten
Tracks, "The Maid We Messed", auf deiner neuen Scheibe ist ein
Anagramm zu "The Mess We Made." Das Stück scheint zudem aus
zwei Tracks aus "The Mess We Made" ("Cotard's Syndrome" und
"The Sinking Ship Song") zusammengesetzt zu sein. Was ist
deine Idee dahinter? Soll es ein kleiner Tribut an dein
Debütalbum sein? Na ja, dieser Track war Teil eines
Live-Sets und ich wollte die beiden Songs aus "The Mess We
Made" anders und schneller miteinander verpacken. Die Leute
haben mich dann gefragt, ob sie sich diese Version irgendwo
erwerben können und so habe ich sie dem neuen Album
hinzugefügt. Ich habe versucht, der Live-Version möglichst
treu zu bleiben und deswegen hat's hie und da ein paar kleine
Fehler.
Der Song "A Waste of Blood" ist allen
Opfern, die durch die amerikanische Aussenpolitik entstanden
sind, gewidmet. Siehst du dich persönlich auch im Kreise all
jener Musiker, die ihre Stimmen erheben, um für eine bessere
Welt zu kämpfen? Welches waren deine Beweggründe, diesen Song
zu veröffentlichen und was sind deine Hoffnungen? Ist es deine
persönliche Art, mit dem momentanen Zustand der Welt fertig zu
werden oder siehst du es als Möglichkeit einer wichtigen
Botschaft an die Menschheit? Na ja, normalerweise
mische ich Politik und Musik nicht gerne, aber um ehrlich zu
sein werden wir in einer schrecklichen Situation enden, wenn
die Leute nicht beginnen, über das zu reden, was gerade
abläuft. Nur unabhängige Musiker, Komödianten und Künstler
können heute wirklich die Wahrheit sagen darüber, was gerade
mit uns allen geschieht. Es ist sehr schwierig, die eigene
Meinung zu sagen, sogar im "Land der Freien", wenn du z.B.
Editor der CNN oder College-Dozent wie Ward Churchill bist,
der Todesdrohungen bekommt, weil er ein Essay darüber
geschrieben hat, wie er die Dinge sieht. Diese Menschen tragen
Verantwortung, während unabhängige Künstler nicht zur
Rechenschaft gezogen werden können. Die Kultur war zudem schon
immer ein Mittel der Menschen, ihre Meinung kund zu geben. Die
Medien stellen ein grosses Problem dar - es gibt keine
sogennante Pressefreiheit. Ich sehe es so, dass, wenn die
Leute nicht wirklich wissen, was sich in der Welt tut, diese
Situation ewig so weiterbestehen wird. Kriege und Hunger
sollten eigentlich längst altertümliche Konzepte sein. Sie
sind barbarisch und dies lässt mich glauben, dass wir Menschen
allesamt Versager sind. Oh je, fang nicht mit Politik an.
Was ist deine Botschaft hinter "Drinking Songs"?
Was möchtest du, dass man aus dem Hörerlebnis
gewinnt? Hhm, ironischerweise vielleicht eine
60-minütige Flucht, aber ich bin mir nicht sicher.
Die hast du meiner Wenigkeit ohne Zweifel
ermöglicht. Besten Dank für deine Zeit, Matt.
photo © ici d'ailleurs. |
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